Geschichten  .......    

 die so nur das wahre Leben schreiben kann 


Ganz geheime und stille Gedanken - heute

Das Leben mit meiner Mutter hat mich schwer gezeichnet, auch heute noch bin ich davon geprägt. Viele Dinge, die für andere völlig normal sind, sind es für mich  immer noch nicht. So fühle ich mich z.B. sehr unwohl, wenn zu irgendwelchen Gelegenheiten, egal ob Geburtstag oder andere Anlässe, mehr als 5 – 6 Menschen zusammenkommen. Betrunkene Personen sind mir verhasst. Der Geruch von Alkohol oder Zigaretten ruft Übelkeit in mir hervor. Und das sind nur einige wenige Beispiele......

Das erste Mal in meinem Leben so richtig von Herzen glücklich war ich mit der Geburt meines Sohnes. Ihm galt meine Fürsorge, meine ganze Liebe aber auch meine ganze Angst. Wir hatten eine innige Beziehung, er war mein ganzer Stolz. Und ich schwor mir, er sollte niemals ähnliches erleben müssen, wie ich es in meiner Kindheit erlebt hatte. Es war also alles in Ordnung, so glaubte ich lange.  Wir hatten sehr lange ein sehr liebevolles, enges und vertrautes Verhältnis. Zumindest habe ich es immer so empfunden. Ich war überzeugt, dass wir zu jeder Zeit über alles reden könnten, immer füreinander da sein werden. Das war ein jämmerlicher Irrtum. Natürlich habe ich Fehler gemacht,  Fehler, die letztendlich aus den Erfahrungen und Ängsten meiner eigenen Kindheit herrührten. Doch kann das allein der Grund für solch einen Schritt sein?

Warum tut ein Sohn das seiner Mutter an? Warum hat er nicht mit mir geredet? Ich werde es wohl niemals erfahren. Diese Ungewissheit lässt mich bis heute, sieben Jahre später, immer noch nicht zur Ruhe kommen. 

Ich weiß nicht, ob mein Sohn sich über die Tragweite seines Handelns bewusst war oder ist, wie er mit dieser Entscheidung lebt. Fakt ist, dass er damit nicht nur mich, sondern auch unsere kleine Familie  zerstört hat. Sie existiert nicht mehr. Der Mensch, der mir einmal am wichtigsten war, hat mein Leben zerstört, einfach so, kalt und emotionslos, von einem Tag auf den anderen. Irgendwann wird auch er vielleicht feststellen, dass er nicht nur mir geschadet hat, sondern auch sich selbst um viele gemeinsame Jahre mit seiner Mutter gebracht hat. Die kommen niemals wieder.   

Ich habe inzwischen in ein halbwegs normales Leben zurückgefunden. Von dem Menschen, der einmal mein Sohn war, habe ich mich in den vergangenen Jahren gefühlsmäßig distanzieren können, musste lernen zu akzeptieren. Begreifen oder gar verstehen kann ich das Geschehene bis heute nicht. 

Längst habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass er vielleicht sein Handeln bereut und wieder den Weg zu mir findet. 

Trotzdem wird die Tür  immer für ihn offen stehen, durchgehen allerdings muss  er schon allein.

Es gibt bis heute auch immer wieder Momente oder Situationen, die mir die Kehle zuschnüren, die mir einen Stich ins Herz versetzen, die mich innerlich verzweifeln lassen. Doch ich habe gelernt, diese Gefühle für mich zu behalten, sie zu beherrschen, nicht mehr nach außen zu tragen. Es interessiert ohnehin niemanden.

Ich liebe ihn und vermisse ihn, er ist in meinen Gedanken und Träumen immer gegenwärtig. 


 Deine Kinder sind nicht Deine Kinder, 

sie sind die Söhne und Töchter 

der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. 

Sie kommen durch Dich, aber nicht von Dir, 

obwohl sie bei Dir sind, gehören sie Dir nicht. 

Du kannst ihnen Deine Liebe geben, aber nicht 

Deine Gedanken; denn sie haben ihre eigenen Gedanken. 

Du kannst ihrem Körper ein Heim geben, 

aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im 

Haus von morgen, das Du nicht besuchen kannst, 

nicht einmal in Deinen Träumen. 

Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein, 

aber nicht, sie Dir gleichzumachen, 

denn das Leben geht nicht rückwärts 

und verweilt nicht beim gestern. 

Du bist der Bogen, von dem Deine Kinder 

als lebende Pfeile ausgeschickt werden. 

Lass Deine Bogenrundung in der Hand 

des Schützen Freude bedeuten!


 

Khalil Gibran